Salamander
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Wallenstein Festspiele in Altdorf 2015

Vorab: Ich veröffentliche i.d.R. nur Fotos von Personen, wenn dies von den Beteiligten genehmigt wurde. Aber hier auf dem Fest war Öffentlichkeit pur, die Leute haben gerne posiert. Daher werde ich das ohne schlechtes Gewissen hier veröffentlichen, auch um die Freude an diesem Fest mit Euch zu teilen, wie es im Sinne der Teilnehmer ist. Sollte jemand sich hier wiederfinden und wünschen, dass ich das Bild entferne, bitte Kontaktformular verwenden, dann nehme ich das Bild sofort raus. Und jetzt: auf zum Fest! ;-)


Im Juli diesen Jahres finden wieder die >Wallenstein-Festspiele< in Altdorf statt. Über das historische Drumrum möchte ich nicht viel erzählen, das kann man gut auf deren Seite nachlesen. 

An manchen Tagen sind zusätzliche Stände, an denen man den traditionellen Handwerkern über die Schulter sehen kann, oder auch Gaukler, Artisten und einige Aktionen. Mein Mann und ich sind bewusst am 05.07. auf das Fest, wo weniger los ist. Es war recht heiß, aber das Wetter war optimal für eine kleine Tour in den Nachbarort. Außerdem müssen zuviele Menschenmassen nicht sein. Es gibt so viel dort zu sehen und erleben, dass wir selbst nach dem "kleinen Programm" mehr als satt, zufrieden und erfüllt einige Stunden nach unserer Ankunft wieder nach Hause fuhren. Die Fotos hier sind nur eine kleine Auswahl, es gab sehr viel mehr zu sehen, das hier zeigenswert wäre!

Was die Festspiele von einem normalen Mittelaltermarkt unterscheidet: es ist kein typischer Markt, an dem einfach nur Händler ihre Waren anbieten und ein paar Artisten etwas darstellen. Sondern es ist ein richtiges Lagerleben, in das die Gäste geworfen werden. Man hat das Gefühl, die ganze Stadt ist auf den Beinen, um den Marktplatz und die Weiher vor den Toren zu beleben. Jung und Alt ist bei diesem Spektakel dabei, übernimmt einen Teil der verschiedenen Rollen. 

Vor den Toren ist das Zigeunerlager. Hier bieten Kinder selbst gebastelte Waren an, dort werden Körbe geflochten, gibt es ein paar Schafe, es wird gelacht, musiziert, Glücksspiel betrieben, es ist turbulent und viel los. Bereits letztes Mal und auch dieses Mal fühlte ich mich dort sehr wohl, alles ist lebendig, fröhlich. Überall auf dem Fest versprühen die Darsteller eine gewaltige Lebenslust, aber besonders hier im Zigeunerlager ist es zu spüren, hier kann man richtig auftanken. 







Auch die Dirnen werden natürlich nicht in die Stadt gelassen (falls doch, müssen die Wächter sich verantworten, mehr dazu nachher bei der Verhaftung). Sie müssen ihre Zelte vor der Stadt aufschlagen. Damit der Kunde weiß, was ihn erwartet, gibt es eine Tafel mit den anwesenden Damen ;-)  



Um in die Stadt zu gelangen, muss man an den Torwachen vorbei. Die Leute spielen ihre Rolle klasse, schäkern ein wenig mit den Damen, werfen auch mal einen derben Spruch in die Runde und sind für Späße zu haben. Der Eintritt schien wohl freiwillig, die meisten haben aber etwas gezahlt. Ich natürlich auch, denn 3 Euro ist quasi geschenkt dafür, dass man stundenlang Freude auf dem Fest erlebt, es ist nur fair, auf diese Weise auch das Engagement der Beteiligten zu würdigen. Es steckt verdammt viel Mühe und Herzblut in dieser Veranstaltung, das wird einem schon nach wenigen Minuten dort bewusst. 



In der Stadt selbst dann gibt es viel zu sehen. Glasbläser, Schmied, Frauen mit Handarbeiten. Die anderen Handwerker werden wohl erst nächste Woche zu sehen sein, aber bereits dieses Wochenende bekamen wir viel zu sehen. 



Verschiedene Gruppen haben ihre Zelte innerorts aufgeschlagen bzw bieten ihre Waren oder Dienste feil. Als Gast ist man "mittendrin". Es muss ja eine Art "Regieanweisung" für die Teilnehmer geben. Ich denke, die lautet einfach "sei Du selbst, habe Spaß, tue all das, was Du selbst hier auch tun würdest". Man sieht also Studenten, die in Grüppchen stehen und plaudern, Händler bieten Waren feil, Soldaten sitzen Karten spielend unter den schweren Zelten, die Kinder toben mit Bollerwagen und Spielzeugschwertern durch die Stadt, Mädels und Jungs flirten, einige Leute gehen einfach spazieren, andere gehen ihrem Handwerk nach, andere sitzen im Biergarten oder vor den Cafés und genießen ihre Mahlzeit oder ein kühles Eis. Eben ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Stadt, nur mit dem ganz besonderen Flair der damaligen Zeit. 

Es fällt als Besucher leicht, den Alltag hinter sich zu lassen, abzutauchen und einfach nur die Zeit dort zu genießen. Wir waren gleich morgens beim Wachaufzug dabei, als die Wachen und der Spielmannszug das Fest einläuteten. Hier einer der Momente: ich hätte so viele Fotos, aber das würde den Rahmen sprengen. Glaubt mir einfach, dass es toll war! ;-)



Danach spazierten wir über den Marktplatz, beobachten das Lagerleben. Manche hatten einfach Lager aufgeschlagen, andere verkauften ihre Waren, das Lazarett kümmerte sich um Verwundete.











Wir blieben einige Stunden, und es war in der Zwischenzeit wirklich gewaltig heiß geworden, an die 40 Grad. Es ist bewundernswert, wie die Darsteller in ihren teils recht dicken Kostümen so gelassen bleiben konnten. Aber die Stadt hatte auch vorgesorgt, überall gab es Gartenschläuche, sodass alle sich kostenlos ihre Kanister, Trinkbecher, Fußwannen, Eimer auffüllen konnten. Davon wurde rege Gebrauch gemacht. 

Die Kinder plantschten im Weiher oder spielten am Springbrunnen. Die Erwachsenen tauchten ihre Füße in den Brunnen vor der Polizeiwache, und der tiefe Brunnen vor dem Rathaus wurde gar als Pool benutzt. 

Und nicht immer lief das ganze freiwillig ab, die Eimer wurden auch einfach mal über andere ausgekippt, was zu Geraufe, Gequieke und Gerangel führte. Aber bei diesem Wetter war niemand sauer darüber, im Gegenteil. Als eine der Frauen einfach mal die Brause am Schlauch in die Menge hielt, sprang ich auch drunter, das Verdunsten auf der Haut und der Kleidung führte zu ordentlich Kühlung. 













Egal, wo man sich gerade befand, es war immer etwas los, gab immer etwas zu sehen. Manchmal kleine inszenierte "Showeinlagen", manchmal einfach nur Szenen zwischen den Beteiligten. 

Hier zwei Schwertkämpfer, die scheinbar kurz übten. Und was man deutlich merkte: was im Film immer so leicht aussieht, ist in der Realität mit großen Schwertern gar nicht so einfach. Vor allem, wenn man trainiert und den Gegenüber nicht wirklich verletzen möchte ;-)



Zwei Jungs taten es den Großen gleich und maßen sich im Schwertkampf. Ein kleines Mädel stand daneben und guckte immer zu. Ob da die Ritter wohl um die Gunst der Maid kämpften? ;-)



Eine Gruppe Kinder flitzte im Bollerwagen durch die Stadt. 



Mit großem Tamtam wurde ein Mann der Vielweiberei bezichtigt und über eine Kanone geworfen, wo man ihm den Stock zu schmecken gab. Puh, das sah ungemütlich aus! Und als man dann ordentlich aufzog, um ihm den Stock über den Rücke zu ziehen, zog mancher Zuschauer erschrocken die Luft ein. Aber unter dem Hemd sah ich mit Biker-Blick die Protektoren. Keine einfachen Schaumstoffdinger wie bei meiner Jacke, sondern die harten aus Plastik wie bei den Cross-Bikern, er dürfte das also gut weggesteckt haben. Auch, als die betrogene Frau dann gleich noch ein paar besonders harte Hiebe nachreichte ;-)



Und weil so eine öffentliche Bestrafung damals natürlich ein Spektakel war, gab es direkt im Anschluss Musik: Dudelsack und Trommler. Die haben mir sehr gefallen, ich habe mir dann sogar die CD gekauft.

Der Dudler spielte erst typische Musik, wie man sie auf einer solchen Veranstaltung erwartete. Als er dann Scotland the Brave anstimmte, musste ich schmunzeln: ob man das bei Wallenstein etwa auch gespielt hatte, na, da war ich skeptisch. Der Song ging nahtlos über in das Lied von Pippi Langstrumpf, DAS war ich ja weder von einem Fest dieser Art noch von einem Dudelsack gewohnt. Und der krönende Abschluss war der Imperial March, drohend hing der Todesstern über der Stadt, während fleißig getrommelt und gedudelt wurde, und die Zuhörer waren begeistert!



Auch die Zigeuner zogen mit Lärmen und Krach und lautem Rufen durch die Stadt. Auf dem Wagen den großen Zampano, der eine mächtige Ansprache hielt (naja, nicht wirklich, aber dafür war es ja der Zampano. Und auch er wurde mit einer kalten Schale Wasser schnell zum Schweigen gebracht). 



Und dann gab es im Programm noch eine Verhaftung. Die Landsknechte nahmen eine Verhaftung vor: die Torwachen waren angeklagt, den Besuchern mehrfach Eintritt abzukassieren, sich mit Alkohol bestechen zu lassen und den Dirnen Eintritt in die Stadt zu gewähren. Man schleifte sie vom Lager vor das Rathaus, dort standen Darsteller aus dem Volk, und natürlich auch viele Gäste. 

Der nette Wächter von unserem Eintritt glaubte uns, dass wir bereits bezahlt hatten, ließ uns passieren, scherzte mit uns, ließ sich gerne fotografieren, erzählte ein bisschen vom Fest und wie wichtig ihm ist, dass die Gäste sich amüsieren und richtig Spaß auf dem Fest haben. Und jetzt war er angeklagt, dass er mehrfach kassiert hätte? Und mein Mann rief da noch mittenrein, schrie "jawohl, das kann ich bezeugen" und fing an zu schimpfen. Mir war klar, dass alles nur ein Spiel war, trotzdem ein seltsames Gefühl. Was ich nicht mitbekommen hatte: mein Mann wurde angesprochen, dass er die Vorwürfe doch bestätigen möge und ordentlich mitmischen. Als er mir das später erzählte, war ich doch beruhigt. Mir war schon klar, dass alles Schau ist, auch sogar den Angeklagten anzusehen war, dass sie ihren Spaß dabei hatten, trotzdem ein seltsames Gefühl, ... nein, ich bin keiner, der gerne daneben steht, wenn jemand beschuldigt oder gequält wird, nicht einmal im Spaß.



Wir waren etwa vier Stunden auf dem Fest, und wir waren randvoll mit Eindrücken und Erlebnissen. Gerne wären wir länger geblieben, aber die Hitze machte schon zu schaffen. Außerdem sind ein paar Eindrücke weniger, die man dafür aber gut in Erinnerung behält, besser als sich zu "überfressen". Es dauert ja noch zwei Wochen, vielleicht packt uns ja die Abenteuerlust, und wir wollen noch einmal hin. 

Aber nächstes Mal werden wir auch ein wenig vorsorgen: für Fleischesser ist gesorgt, aber selbst Vegetarier werden außer einer trockenen Breze, einem Käsebrot oder einem kleinen Beilagensalat nichts erhalten. Es gibt Schnitzel, Steak, Schäufele und Braten. Als Veganer hatten wir komplett verloren. Und irritierend fand ich auch, dass es kein alkoholfreies Bier gab. So gerne hätt ich ein alkoholfreies Radler getrunken, aber zumindest an den Ständen, wo ich fragte, sah man mich mit großen Augen an, wie jemand in Franken bitteschön alkoholfrei bestellen kann?!? Nun gut, Franken hin oder her, bei dieser Hitze ohne was zu Essen im Bauch trinke ich keinen Tropfen, wenn ich fahren muss. Aber ´ne pappige Saftschorle oder Wasser sind einfach nicht so erfrischend wie ein Radler :(

Abgesehen von dem Problem der alkoholfreien pflanzlichen Verköstigung war aber alles herausragend. Wir hatten einen großartigen Nachmittag. Und für meinen Mann, der das zum ersten Mal erlebt hat, war es ein ganz besonderes Erlebnis! 

Altdorf kannte er schon, letztes Jahr waren wir schon einmal dort. >Hier< der Blogbeitrag. So sieht das Örtchen aus, wenn nicht gerade die Heerscharen auf dem Dorfplatz einfallen ;-)

Salamander 12.07.2015, 10.34

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von G'schitnErzählerin

Bist du das mit dem schwarzen T-Shirt? :)

vom 22.07.2015, 19.06
Antwort von Salamander:

kriegst ´ne PN ;-)
1. von SonjaM

Das ist aber liebevoll und authentisch aufgemacht. Man sieht, dass alle Beteiligten richtig Spaß bei der Sache haben. Beeindruckende Bilder. Wenn der überaus gepflegte Straßenbelag nicht wäre, könnte man wirklich meinen, eine Zeitreise ins Mittelalter gemacht zu haben. :super:

vom 12.07.2015, 14.28
Antwort von Salamander:

Ja, deswegen gefiel es mir auch vor den Toren so gut, da ist der Weiher, nur natürlicher Kies- bzw Wiesenweg. Aber selbst in der Stadt vergisst man es gelegentlich, wo man ist. Anachronismen hin oder her, man ist so eingenommen von all dem, was man sieht, ... wie eine kleine Zeitreise :-)